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Nun habe ich mir den Film „The Danish Girl“ endlich angesehen, ich war überaus gespannt darauf. Zur Geschichte von Lili Elbe habe ich eine ganz besondere Beziehung, schließlich habe ich meine Website nach ihr benannt. Ihr Buch ist die erste weithin bekannt gewordene transsexuelle Biographie.

Meine Lili-Elbe-Geschichte

Vorab möchte ich kurz meinen persönlichen Bezug darstellen. So genau kann ich es nicht mehr rekonstruieren, aber es dürfte im Jahr 2002 gewesen sein, als ich das Buch „Das dänische Mädchen“ im Buchladen entdeckte. Darin erzählt der kalifornische Autor David Ebershoff die Geschichte von Lili Elbe nach, die sich zu Beginn der 30er Jahre als erste Transfrau (um einen heutigen Begriff zu verwenden) in Dresden einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Von Lili Elbe selbst gibt es eine Autobiographie „Ein Mensch wechselt sein Geschlecht“, die 1932 in Dresden erschienen war, aber außerhalb eines sehr kleinen Kreises niemand mehr kannte.

2002 studierte ich noch in Dresden, und ich konnte tatsächlich ein Exemplar dieses seltenen Buches in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek auftreiben und kopieren. Dieses erste autobiographische Zeugnis eines Geschlechtswechsels im modernen Sinn faszinierte mich, zumal in Dresden. Meine Literatursammlung bestand aus noch nicht mehr als ein paar mehr oder wenig zufällig entdeckten Büchern. Und jetzt ein 70 Jahre alter Fall … beeindruckend.

Nachdem ich die Arbeit an meiner früheren Website eingestellt hatte und eine komplett neue plante, wollte ich mich auf Bücher und Filme fokussieren, denn das hatte sich zum Schwerpunkt meines Interesses und meiner verbliebenen Aktivitäten in Sachen Trans* entwickelt. Und da die (zumindest biographische) Literatur mit Lili Elbe beginnt, gab ich dem neuen Projekt diesen Namen.

Einige Jahre später hörte ich dann davon, dass Ebershoffs Buch verfilmt werden sollte, zeitweilig war sogar Nicole Kidman im Gespräch für Lilis Rolle. Aber das geplante Erscheinungsdatum verschob sich immer weiter in die Zukunft, wie ich bei gelegentlichen Besuchen in der IMDB feststellte. Ende 2015 war es dann doch soweit, ich hörte plötzlich vom Filmstart in Deutschland!

Lili Elbe im Film

Wer war Lili Elbe (im Film)? Geboren wurde sie als Einar Wegener in Dänemark, zusammen mit Gerda Wegener wirkte sie als Maler erst in Kopenhagen, dann in Paris. Eines Tages bittet Gerda ihren Mann Einar, ihr mit Seidenstrümpfen, Schuhen und einem Kleid Modell zu sitzen, weil das eigentliche Modell gerade nicht kann – so wird Lili geboren. Doch sehr schnell entwickelt sich eine Dynamik, und Lili gewinnt immer mehr Raum in Einars Leben. Die Beziehung wird zunehmend belastet, und Lilis Wunsch nach einer Lösung wächst. Einar/Lili geht es zunehmend schlechter, und erst nach vielen erfolglosen Arztkonsultationen treffen sie auf den Dresdner Arzt Kurt Warnekros, der vorschlägt, eine, wie wir heute sagen würden, geschlechtsangleichende Operation durchzuführen. Die erste Operation übersteht sie und lebt danach nur noch als Frau, die zweite Operation hingegen schwächt sie so sehr, dass sie bald darauf stirbt.

Und wie fand ich den Film nun?

20160110_111132Inszeniert wird diese Geschichte von Tom Hooper zum einen als besondere Liebesbeziehung, und parallel dazu als die Geschichte einer Wandlung vom Ehemann und Maler hin zu einer (Trans)Frau, die sich nichts sehnlicher als Erlösung ihrer Leiden und Anpassung ihres Körpers wünscht. Als selbst „Betroffene“ kann man in vielen Momenten sehr genau die Unsicherheiten, die Ängste und die Sehnsüchte Lilis nachempfinden, auch wenn die inneren Konflikte nur gelegentlich sichtbar werden. Eddie Redmayne verkörpert Lili sehr gut, und ich denke, dass es richtig war, die Rolle mit einem Mann zu besetzen. Das leicht Uneindeutige, das transsexuelle Frauen öfter ausstrahlen (die meisten von ihnen wünschen sich, dass es nicht so wäre) und die damit verbundene Unsicherheit werden so sichtbar. Gerda wird von Alicia Vikander gespielt und wirkt im Film als die eigentliche Hauptrolle. Sie trägt die immer schwerere Situation mit, sie leidet unter dem Verlust ihres Mannes, und doch bleibt sie immer an Lilis Seite.

Zuweilen fühlte ich mich in einen Kostümfilm versetzt, in beinah jeder Szene tragen die Protagonisten andere Kleider, immer aufwendig im Stil der damaligen Zeit hergerichtet. Auch Lilis Gesicht unterliegt einer interessanten Wandlung, nach der ersten Unsicherheit gewinnt es an Farbe und Kontur, während es später zunehmend blass und schließlich ganz grau wird.

Man kann nun der Inszenierung (durchaus zu Recht) nachsagen, dass sie nicht das tatsächliche Leben Lilis abbildet. Dass der Konflikt des Weges in das andere Geschlecht recht oberflächlich dargestellt ist. Dass das Geschlecht an der Beschaffenheit der Genitalien festgemacht wird. Dass der Film von einer heteronormativen Grundhaltung durchzogen ist. Und so weiter und so fort. Aber das sind Diskussionen, die vor allem innerhalb der Trans*-Community geführt werden, für die ein Wechsel oder eine Anpassung des Geschlechts nichts Außergewöhnliches sind.

Trans*Visibility

Für alle anderen aber wird in „The Danish Girl“ eine transsexuelle Biographie in einer sehr unterhaltsamen und mainstreamtauglichen Variante erzählt, und das ist für mich der eigentliche Verdienst dieses Films. In den letzten Jahren gibt es einen Trend hin zur Sichtbarkeit von Trans* (Lana Wachowski, Caitlyn Jenner und die Serie „Transparent“ sind einige Beispiele), und da reiht sich „The Danish Girl“ ganz hervorragend ein. Unsereins hat eine wachsende Chance, aus der Unsichtbarkeit, in die wir uns seit langer Zeit zu flüchten versucht haben, herauszutreten.

Trans*-Menschen sind in Filmen meistens klischeehaft dargestellte Freaks, Mordopfer oder zumindest irgendwie sonderbare Figuren, mit denen man sich kaum identifizieren kann (die Serie „Transparent“ ist eine der wenigen Ausnahmen). Ich kenne über 100 Filme, in denen das Thema Trans* eine Hauptrolle (selten) oder Nebenrolle (häufiger) spielt, und es gibt kaum einen Film dabei, den ich mir gern anschaue. Die meisten sind richtig anstrengend und in diesem Sinn eine Zumutung (Ausnahme hier z.B.: „Kinky Boots„).

Zur Authenzität

Auch zur Frage, wie „wahr“ die Geschichte im Film ist, und ob Lili nicht eigentlich intersexuell war, wird derzeit viel diskutiert (jedenfalls in der Community). Ich denke, dass man leicht in die Falle tappt, die Erzählung des Films für bare Münze zu nehmen, aber man muss sich bewusst machen, dass der Stoff mindestens dreifach verarbeitet worden ist.

Zunächst gibt es Lili Elbes Autobiographie, 1932 von Niels Hoyer „aus hinterlassenen Papieren“ herausgegeben. Ernst Harthern, der hinter dem Pseudonym Niels Hoyer steckt, war ein deutscher Schriftsteller, der zur damaligen Zeit in Dänemark lebte (und später wegen seiner jüdischen Herkunft nach Schweden floh, wo er bis zu seinem Lebensende blieb), und es ist sehr wahrscheinlich, dass bereits er das Quellenmaterial (Tagebuchaufzeichnungen und Briefe von Lili) editorisch bearbeitete.

Der Roman „Das dänische Mädchen“ von Ebershoff nun ist eine literarische Bearbeitung der Lebensgeschichte von Lili Elbe, der Autor schreibt auch ausdrücklich, dass er sich daran nur „lose orientiert“. Als Material benutzte er Zeitungsartikel und die Autobiograpie.

Und der Film wiederum ist natürlich keine 100%ige Wiedergabe des Buchs, Verfilmungen sind immer Verarbeitungen des Ausgangstextes in ein anderes Medium, mit Kürzungen, Auslassungen, Dazu-Erfindungen usw.

Neben dieser dreifachen Brechung sollte man auch die Autobiographie selbst durchaus kritisch sehen. Transsexuelle Biographien sind häufig zu einem gewissen Grad inszeniert und angepasst, um gesellschaftlichen Normen zu entsprechen und um in einem besseren Licht dazustehen, oder um komplizierte Lebensverläufe einfach ein wenig zu glätten. Die heutigen Vorstellungen von Transsexualität sind ein komplexes Konstrukt, was sich über die Jahrzehnte aus vielen Quellen gespeist und entwickelt hat (besonders wirkmächtig die Medizin, dazu die Rechtslage, heteronormative Zwänge, Abgrenzungen und vieles mehr).

Im übrigen war Lili Elbe durchaus nicht der allererste Mensch, der sich geschlechtsanpassenden Operationen unterzogen hatte, aber dies war der erste weithin bekannte Fall. Es existieren (sehr vereinzelte) Fälle, die man noch etwas früher datieren kann.

Fazit

„The Danish Girl“ ist eine unterhaltsame, nicht zu „schwere“ filmische Erzählung einer besonderen Lebensgeschichte. Ich fühlte mich sehr gut unterhalten und kann diesen Film auch Unbeteiligten empfehlen. Für die Sichtbarkeit von Trans*-Menschen ist der Film ein Meilenstein.

Und wer tiefer in diese Konflikte eintauchen möchte, für den gibt es sehr viel mehr Material.

Weiterführende Literatur

Ebershoff, David. 2002. Das dänische Mädchen. Übersetzt von Werner Schmitz. Taschenbuchausgabe. München: Goldmann. (als Sonderausgabe 2016 neu erschienen)

Elbe, Lili. 1932. Ein Mensch wechselt sein Geschlecht. Eine Lebensbeichte. Herausgegeben von Niels Hoyer. Dresden: Reissner.

Harthern, Ernst. 2008. Ernst Harthern : Journalist, Autor, Übersetzer ; eine Auswahl aus seinen Werken / bearb. von Jörn Bosse. [Hrsg.: Stadt Stade – Der Bürgermeister]. Stade: Stadt Stade, Bürgermeister.

Herrn, Rainer. 2005. Schnittmuster des Geschlechts. Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft. Gießen: Psychosozial-Verl.

Meyer, Sabine. 2010. Mit dem Puppenwagen in die normative Weiblichkeit. Lili Elbe und die journalistische Inszenierung von Transsexualität in Dänemark. In: Nordeuropaforum. 20 (2010:1–2), S. 33–61.

Runte, Annette. 1996. Biographische Operationen: Diskurse der Transsexualität. München: Fink.

Weiß, Volker. 2009. „… mit ärztlicher Hilfe zum richtigen Geschlecht?“ : zur Kritik der medizinischen Konstruktion der Transsexualität / Volker Weiss. 1. Aufl. Hamburg: Männerschwarm-Verl.

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