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Mit viel Elan machte ich mich im Winter über die Website her und übernahm fleißig die alten Inhalte aus dem GenderWunderLand, dazu ergänzte ich auch eine Menge Buch und Filmtitel. Doch dann gewann der Trainingsplan für die Triathlonsaison 2012 die Oberhand, und alles blieb liegen. Der Saisonhöhepunkt ist jetzt durch, und der Kopf mal wieder frei für alternative Interessen.

Im ersten Halbjahr 2012 sind mir zahlreiche interessante Bücher und Filme untergekommen, die vorzustellen sich lohnt. Sie sind zum größeren Teil nicht erst jetzt erschienen, für mich waren sie aber neu und damit eine Vorstellung wert. Und irgendwo muss ich ja mal anfangen, den Berg abzutragen 🙂

Bücher

Anfangen möchte ich mit einem der besten Trans-Bücher, das ich bisher in die Finger bekommen habe. Die Autorin Jula Böge kenne ich schon seit einigen Jahren, ihre außergewöhnliche Website war mir schon aufgefallen, als ich mich noch nicht aus der Community zurückgezogen hatte. Selten habe ich einen Menschen erlebt, der so intensiv über sein Trans-Dasein reflektiert und durch harte geistige Arbeit seinen (vorläufigen?) Platz im weiten Spektrum der Trans-Möglichkeiten gefunden hat. Meine eigenen schweren Jahre intensiven Nachdenkens und Haderns über mein Schicksal lagen da schon eine Weile zurück, aber ich freute mich über eine Verwandte im Geiste. Im Jahr 2009 nun hat Jula Böge ihr gedankliches Werk in ein Buch münden lassen, es trägt den aufschlussreichen Titel „Ich bin (k)ein Mann: Als Transgender glücklich leben – Ein Ratgeber“ (Agenda Verlag, 2009, 234 Seiten, 24 €). Noch habe ich es leider nicht geschafft, das Buch komplett durchzulesen, aber das erste Drittel stimmt überaus hoffnungsvoll. In den vergangenen mittlerweile 15 Jahren habe ich mehrere Regalmeter Trans-Literatur gelesen, und mir ist höchst selten etwas so Tiefsinniges und zugleich Positives zum Thema Transgender in die Hände geraten. Jula widmet sich intensiv den Fragen „Warum bin ich so?“ und „Wie gelingt es mir, damit gut zu leben?“, vor denen jeder Transgender-Mensch steht, wenn er nicht völlig geistig desinteressiert ist. In erster Linie richtet sich das Buch dabei an die große Mehrheit derer, die keinen totalen Rollenwechsel und medizinische Eingriffe anstreben (die transsexuellen Den-ganzen-Weg-Geher wie ich sind doch dagegen eine kleine Gruppe, wenn auch die nach außen viel sichtbarere). Absolute Empfehlung!

Auch ziemlich neu ist „Die Königin der Pfeifen“ (Distel, 2010, 103 Seiten, 10 €), darin erzählt Laurent Martin aus dem Pariser Untergrund. Annabelle ist eine transsexuelle Frau, die sich durch Anschaffen und andere mehr oder wenige legale Geschäfte die Hormonbehandlung und allerhand kosmetische Gesichtsoperationen finanziert hat und nun für die geschlechtsangleichende Operation in Thailand Geld zusammenspart. Eine krummes, aber aussichtsreiches Ding sieht nach einer Abkürzung zum ersehnten Glück aus, es winken 30.000 €, gutgläubig und leichtsinnig lässt sie sich darauf ein, und fast zwangsläufig geht alles schief. Transsexualität in der halbseidenen Rotlichtwelt, zur Finanzierung der lebenswichtigen Operation auf Prostitution angewiesen — immer und immer wieder ist das Thema in der Trans-Literatur, obwohl man sich in Mitteleuropa (und anderswo) eigentlich wünscht, dass niemand mehr so überleben muss. Laurent Martin gelingt es dabei aber durchaus, die Not der Protagonistin spürbar werden zu lassen. Allein auf der Welt und in den Untergrund gedrängt, immer in Geldsorgen, aber immer gut gestylt, verstoßen von den Eltern, Thailand als großer Traum, dabei gnadenlos naiv — die Geschichte rührt an. 2011 wurde der Stoff von Guillaume Nicloux verfilmt, im April 2011 lief der Film auf arte.

Nun noch zu einem etwas älteren Buch. „Nennen wir ihn Anna“ (Ravensburger Buchverlag, 198 erstmals erschienen, 352 Seiten, für kleines Geld antiquarisch erhältlich) ist ein schwedisches Jugendbuch von Peter Pohl. Mir fiel der Titel beim Stöbern im Berliner Buchladen „Prinz Eisenherz“ auf (der lohnt sich übrigens für Trans-Bücher). Ort des Geschehens ist ein schwedisches Sommerferienlager, lauter pubertierende Jungs verbringen den Sommer gemeinsam in einer Ferienanlage, die großen Schüler übernehmen dabei die Gruppen- und Lagerleitung. Als Anders, ein schmächtiger Junge noch vor dem Beginn der körperlichen Veränderungen, dazukommt, wird er auf den Namen „Anna“ getauft und findet er sich sofort am unteren Ende einer Hackordnung wieder, zunehmend ist er Mobbing und Angriffen anderer Jungs ausgesetzt. Nur zum Sportleiter Micke, einem im Laufsport sehr erfolgreichen Schüler kurz vor dem Abitur, fasst er allmählich Vertrauen. Im Ferienlager kommt es fast zum Eklat, aber noch einmal kann das Schlimmste verhindert werden. Später im Jahr sehen sich Anders und Micke im Winterlager wieder, zunehmend wird die existenzielle Not von Anders spürbar, denn er ist nicht nur im Lager ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Bei Micke machen sich allmählich das Gefühl von Hilflosigkeit und seinem eigenen Versagen breit. Das Buch endet dramatisch und bestürzend. Verhandelt werden vor allem zwei Themen, Gruppendynamik unter Jugendlichen und Mobbing. Dem Autor gelingt es gut und berührend, die Dynamik und dramatischen Momente herauszuarbeiten, zum Teil jedoch in sehr drastischer und eindeutiger Sprache. Der Roman hat mich nachhaltig beeindruckt, ich kann ihn nur weiterempfehlen.

Filme

„Tomboys“ nennt man im Amerikanischen umgangssprachlich kleine Mädchen, die sich eher wie Jungs benehmen, also die, die nicht so brav und ordentlich sind, wie man das von Mädchen denkt, die lieber Fußball als mit Puppen spielen, und die ja keine Kleider anziehen wollen. Im Deutschen gibt es das Wort „Wildfang“ dafür, aber das bringt in keiner Weise den Aspekt der Geschlechtsidentität ins Spiel. Tomboys können einfach nur Mädchen sein, die ein bischen wilder als andere sind, manchmal (nur ganz selten, vermute ich) sind es aber Jungs, die als Mädchen geboren wurden. Das weiß man so früh noch nicht so richtig (vermute ich jedenfalls, ich kenne den Stand der Wissenschaft nicht und will hier keinerlei Einfluss auf die Diskussion um Transsexualismus in Kindheit und Jugend nehmen). In dieser kindlichen Ungewissheit jedenfalls spielt der Film „Tomboy“ von Céline Sciamma, im Mai 2012 in die deutschen Kinos gekommen (erscheint am 14.09.2012 auf DVD und Blu-ray). Die burschikose Laure mag die Hosen weit und die Haare kurz. Gerade ist sie mit der Familie umgezogen, den neuen Kindern der Nachbarschaft stellt sich sich nach einigem Zögern als Michael vor. Es sind Sommerferien, die Jungs treffen sich zum Fußballspielen, und einige Mädchen sind auch dabei. Michael wächst wie selbstverständlich in die Gruppe hinein, irgendwann entsteht eine zarte Anziehung zu Lisa, dann wird seine kleine Schwester hineingezogen, und bald erfahren es die Eltern. Der schöne Sommertraum platzt. Zart passt auch auf viele andere Aspekte des Films: Die Aufnahmen der Kinder sind zärtlich und fast  poetisch, zart sind die Andeutungen des inneren Schmerzes, zart und frisch der ganze Sommer. Beim Schauen des Filmes hatte ich Assoziationen zu Mein Leben in Rosarot, Boys Don’t Cry und XXY, aber dieser Film erzählt eine andere Geschichte. Weder die negative Grundstimmung der Erwachsenen bestimmt den Film wie in Mein Leben in Rosarot (die Erwachsenen kommen nämlich fast nicht vor), noch endet der Film höchst dramatisch wie Boys Don’t Cry (Gottseidank!). Am ehesten passt vielleicht von der Stimmung noch XXY, aber dort geht es um Intersexualität und Pubertät, hier um kindliche Geschlechtsidentität.

Springen wir 25 Jahre zurück. In meinen Jugendtagen, 1986 — noch vor der Wende, strahlte das DDR-Fernsehen einen Film aus, in dem Geschwister die Rollen tauschen (ob das ein Spaß sein sollte oder so, erinnere ich mich nicht mehr genau). Jedenfalls fährt das Mädchen als Junge in die Ferien aufs Land, und der Junge als Mädchen. Dort erleben sie dann allerhand Abenteuer mit dem ständigen Nervenkitzel, doch noch erkannt zu werden. „Ein Mädchen und ein Junge oder das große Verwechslungsspiel“ heißt der Film, und er hat mich wohl in dieser Zeit durch den Titel schlagartig fasziniert. Ich war damals in einer Lebensphase, in der ich merkte, dass mit dem kindlich „männlichen“ Körper etwas im Argen lag, in mir drin waren Durcheinander und Zweifel. Damals faszinierte mich der Film, ich wäre auch so gern mal in die Rolle als Mädchen geschlüpft. Für fast 25 Jahre war der Film nur eine allmählich verblassende Erinnerung, aber dank der immer weiteren Verbreitung des Internets haben es so manche verschollen geglaubten Schätzchen wieder geschafft, entdeckt zu werden, und durch einen Hinweis im TG-Forum konnte ich über den polnischen Originalnamen etwas finden. Zum einen gibt es auf Dailymotion eine Folge von Videos, die die Filmfassung enthält (leider nur in polnisch). Man erfährt auch, dass es zum einen eine Miniserie gab, später wurde daraus dann ein Fernsehfilm geschnitten. Falls der Film mal wieder ausgestrahlt würde oder irgendwo die deutschsprachige Fassung als DVD etc. auftaucht, wäre ich glücklich, den Film wieder wie damals zu sehen.

Jetzt springen wir noch weiter zurück. Blu-ray macht’s möglich: So mancher Filmklassiker wird neu aufgelegt und erstrahlt bei passendem Equipment in scharfer Pracht. Seit ich v.a. auf arte einige Filmklassiker in HD erleben konnte (z.B. einige Monty Python-Filme, Fahrenheit 451, Brazil oder Spielbergs erster Kinofilm „Duell“), bin ich über die neue Bildqualität begeistert, und kürzlich lachte mich „Manche mögen’s heiß“ in einer Blu-ray-Hülle an. Diese 1959 ursprünglich erschienene Film von Billy Wilder ist ein großer Klassiker der Verwechslungskomödien, unzählige mehr oder weniger (viele eher weniger) gelungene andere (Klamauk-)Filme folgten dem Thema, dass sich Männer als Frauen verkleiden und sich dann irgendwelchen Verwechslungsturbulenzen ausgesetzt sehen. Ganz nebenbei enthält der Film einige hinreißende Szenen mit der damals schon weltberühmten Marilyn Monroe. Muss man viel über den Film sagen? Am schönsten ist für mich eh die Schlussszene: „Ich bin ein Mann!“, und darauf die Reaktion: „Niemand ist perfekt!“ Die Bildqualität der Blu-ray-Fassung lohnt sich auf jeden Fall für Filmfreunde!

Neu im Kino und inzwischen auch auf DVD und Blu-ray ist außerdem „Rubbeldiekatz“, in dem Matthias Schweighöfer in die Frauenrolle schlüpft. Den Film habe ich noch nicht gesehen, aber haben wir hier einen Trend? Nach Til Schweiger in „Zweiohrküken“ ist binnen kurzer Zeit nun schon der nächste populäre deutsche Schauspieler in Frauenkleidern unterwegs. Wenn ich beide Filme gesehen habe, werde ich von meinen Eindrücken berichten.

Schließlich konnte man sich kürzlich Pedro Almodovar auf arte anschauen, gleich mehrere Filme des spanischen Regisseurs wurden gezeigt. Seine Hauptfiguren sind immer Frauen, und kaum ein Film kommt ohne Transfrauen aus — in „Alles über meine Mutter“ sogar in einer Hauptrolle.

Sonstiges

Trans-bezogene Beiträge in Zeitschriften etc. fallen mir nur noch sehr zufällig auf. So wie kürzlich im SPIEGEL 26/2012, in dem es auf 4 Seiten um die Streits um Zuständigkeiten und Entscheidungen über Transsexualismus in der Jugend geht. Traurig, was man da lesen muss, all die Debatten finden ganz offenbar auf dem Rücken der Betroffenen statt. Mehr zu diesem Fall (und der Artikel) im Blog „Inka geht ihren Weg„.

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